DISKURSE ZUM URBANEN ZUSAMMENLEBEN
Nicolas Beucker kuratiert für das Schlosstheater Moers die Diskurse zum urbanen Zusammenleben. Die mehrteilige Reihe startet am 29.09.2020 mit dem Titel UTOPIE UND REALITÄT
Als zu Beginn der 1970er Jahren das Wallzentrum in Moers gebaut wurde, entstanden zahlreiche ähnliche Projekte, z.B. das Ihme Zentrum in Hannover. Diese Riesen am Stadtrand waren Ausdruck einer Utopie ihrer Zeit. Wohnen mit Weitblick, ein Ausstattungsniveau auf aktuellem Stand. Innenstadtnah, aber mit zentraler Versorgung und Einzelhandel im Zentrum selbst. Die neue Form des Wohnens versprach lang ersehnten Komfort für Bewohner*innen. Denn hier gab es die Möglichkeit, den veralteten und oft nur mäßig sanierten Häusern der Innenstädte zu entkommen. Zudem wohnte oder arbeitete man in einem Aushängeschild der Stadt.
Mit viel Zuversicht und Engagement setzten Politik und Verwaltung den Bau dieser Zentren einst durch. Großzügig wurde abgerissen, wo neue Erschließungen im Sinne der autogerechten Stadt entstehen sollten. Doch was damals zukunftsverheißend schien, wird heute zum Problem. Die Ehrlichkeit der Konstruktion aus Beton hat ihren Reiz verloren und Gebäude, die als Maschine gedacht waren, funktionieren nicht mehr. Die Realität hat mittlerweile die architektonische Vision eingeholt. Die nahegelegenen Innenstädte sind mittlerweile saniert und attraktiv. Sie sind heute die erste Wahl des Handels und der Gastronomie. In der Folge verwaisten die Gewerbeflächen der Zentren. Leerstand über Leerstand. Von Attraktivität keine Spur mehr.
Verfall, Verwahrlosung und Teilruinen zwingen zum Nachdenken darüber, wie neue Zukünfte dieser Großbauten aussehen können. Ein Abriss wäre zu teuer und noch dazu gesellschaftlich fatal. Denn auch, wenn vieles neu erfunden werden muss, gewohnt wird in diesen Komplexen noch immer. Gebraucht werden daher allmähliche Transformationen statt radikaler Lösungen.